VI Liebenden

VI – Die Liebenden

Die Liebenden zeigen einen nackten Mann und eine nackte Frau auf einer grünen, lebendigen Erde. Beide stehen mit deutlichem Abstand zueinander. Sie berühren sich nicht und schauen sich auch nicht unmittelbar gegenseitig an. Dennoch gehören sie sichtbar zu derselben Szene und verkörpern zwei unterschiedliche Pole des Menschlichen.

Die Nacktheit lässt beide ursprünglich und unverstellt erscheinen. Hinter der Frau steht der Baum mit Früchten und der Schlange, hinter dem Mann ein Baum mit flammenartig wirkenden Blättern. Die beiden Seiten unterscheiden sich deutlich voneinander und unterstreichen die Polarität von Mann und Frau.

Über ihnen erscheint auf einer Wolke die große geflügelte Gestalt des Erzengels Raphael. Sie nimmt einen erheblichen Teil der Karte ein und dominiert die obere Bildhälfte. Hinter ihr leuchtet die Sonne, die roten Flügel sind weit ausgebreitet und beide Arme sind seitlich nach oben erhoben.

Auffällig ist, dass sich diese Haltung bei Mann und Frau wiederfindet. Auch ihre Arme stehen leicht vom Körper ab und beginnen sich seitlich zu öffnen. Raphael führt diese Bewegung vollständig aus, während sie bei den beiden Menschen erst im Ansatz vorhanden ist. Es wirkt beinahe, als würde er ihnen zeigen: Öffnet euch, richtet euch auf, macht es ebenso.

Besonders die Frau unterstützt diesen Eindruck durch ihre Blickrichtung. Sie schaut unmittelbar nach oben zur geflügelten Gestalt. Der Mann wiederum scheint sich eher zur Frau zu orientieren. So entsteht innerhalb des Bildes eine Bewegung, durch die etwas von oben wahrgenommen und auf der menschlichen Ebene aufgenommen wird.

Der rote Berg

Zwischen und zugleich hinter Mann und Frau erhebt sich der auffällige rote Berg. Seine ungewöhnlich schmale Spitze weist nahezu direkt auf die Wolke. Dadurch verbindet er beide Menschen und gibt ihnen gleichzeitig eine gemeinsame Richtung: nach oben.

Seine rote Farbe verleiht dieser Bewegung Kraft und Aktivität. Dass sich dasselbe kräftige Rot in Raphaels Flügeln wiederfindet, verstärkt die Verbindung zwischen der irdischen und der oberen Ebene.

Es entsteht eine deutliche Achse:

Mann und Frau → Berg → Wolke → Raphael → Sonne

Der Berg weist von unten nach oben. Raphael zeigt von oben, welche Haltung die Menschen einnehmen können. Dadurch begegnen sich zwei Bewegungen: Der Mensch richtet sich nach oben aus, während von oben etwas an den Menschen herangetragen wird.

Bedeutung beim Kartenlegen

Die Liebenden stehen damit für gemeinsame Ausrichtung und Öffnung. Zwei unterschiedliche Pole müssen ihre Verschiedenheit nicht aufgeben, um miteinander verbunden zu sein. Ihre Verbindung entsteht dadurch, dass sie sich auf etwas Gemeinsames ausrichten, das über ihre jeweilige einzelne Position hinausweist.

Fällt diese Karte, kann sie dazu auffordern, die übergeordnete Richtung wahrzunehmen und sich ihr zu öffnen. Sie kann anzeigen, dass unterschiedliche Menschen, Kräfte oder Seiten des eigenen Wesens eine gemeinsame Orientierung finden können.

Die Karte fragt damit weniger: Wofür entscheidest du dich?
Sie fragt vielmehr: Woran richtest du dich aus – und bist du bereit, dich dafür zu öffnen?

Kernaussage

Die Liebenden zeigen zwei unterschiedliche Pole, die durch eine gemeinsame Ausrichtung verbunden werden. Über ihnen wird die vollständige Öffnung sichtbar, während sie selbst beginnen, diese Bewegung aufzunehmen. Die Karte steht für das Erkennen einer gemeinsamen höheren Richtung, für Öffnung und für die Verbindung, die entsteht, wenn Verschiedenes sich auf dasselbe ausrichtet.

Polarität → gemeinsame Ausrichtung → Öffnung → Verbindung.

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